75 Jahre Deportation

 

Bevor die letzten Stimmen verstummen

Banater Schwaben erinnern an die Deportation vor 75 Jahren / Ehemalige Zwangsarbeiter berichten

Mit Gedenkveranstaltungen auf dem Karlsruher Hauptfriedhof sowie im Gemeindesaal von St. Bernhard erinnerte die Landsmannschaft der Banater Schwaben an die Deportation ihrer Volksgruppe vor 75 Jahren. Im Winter 1944/45 waren auf Befehl Stalins etwa 120.000 Menschen aus den deutschen Minderheitengruppen Jugoslawiens, Rumäniens und Ungarns zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden.

Dort sollten sie, vor allem in den Sowjetrepubliken Ukraine und Georgien, Wiederaufbauleistungen für vom Deutschen Reich verursachte Schäden erbringen. Die Männer und Frauen im Alter von 17 bis 45 Jahren wurden dort bis zu fünf Jahren festgehalten. Etwa 30.000 von ihnen starben während der Deportation an Unterernährung, Entkräftung und Seuchen. Nach einer ersten Entlassungswelle 1946 blieben die Lager bis 1950 bestehen. Die Menschen, die danach in ihre inzwischen kommunistischen Heimatländer zurückkehrten, durften dort über das Thema nicht sprechen.

Nun trafen sich die letzten Überlebenden auf Einladung der Landsmannschaft in Karlsruhe. So wurde am Billeder Gedenkstein auf dem Hauptfriedhof der Verstorbenen mit Totengedenken und Kranzniederlegung gedacht. Grußworte hierzu sprachen Oberbürgermeister Frank Mentrup, der einstige Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg, selbst aus dem Batschka stammend und nach dem Krieg vertrieben, sowie Radu Florea, Generalkonsul Rumäniens aus Stuttgart. Anschließend stand bei der Gedenkfeier in St, Bernhard der Umgang mit dieser historischen Hypothek im Zentrum einer Podiumsdiskussion.

An dieser nahmen neben Mentrup, Zollitsch und Florea auch Richard Jäger, Vorsitzender des Landesverbandes der Banater Schwaben, sowie Peter Krier, der Ehrenvorsitzende des verbandseigenen Hilfswerks teil. Die Teilnehmer warben hierbei nachdrücklich für Frieden, Toleranz und den Willen zur Völkerverständigung auch in unruhigen Zeiten. Diese Botschaft müsse gerade auch Leitbild der Nachgeborenen in einer Welt sein, die noch immer von Flucht und Vertreibung gekennzeichnet sein. Ein wichtiger Bestandteil dieses Herangehens bleibe hierbei gerade auch die historische Erinnerung an und deren Pflege für die Zukunft. Hierbei folgte die sehr gut besuchte Gedenkveranstaltung dem Aufruf eines ehemaligen Deportierten, der vor 75 Jahren seinen Angehörigen geschrieben hatte: „Bewahre unsere Kinder und alle Völker vor dem gleichen Schicksal, versöhne alle Völker und lass Frieden in der Welt sein.“

Matthias Dreisigacker

Badische Neueste Nachrichten vom 23.01.2020

Foto: Cornel Gruber